Montag, 18. März 2013

 



Bericht vom Samstag, den 16. März 2013

 

 
Böse Überraschung
 
 
Der Tag soll heute ruhig verlaufen und mich aufs Land hinaus führen. Ich stehe etwas später auf als üblich und checke meine Emails. Was ich schon seit einiger Zeit befürchtet habe, wird Gewissheit. Ich erhalte Nachrichten vom Hermes Paketdienst. Ein abermaliges Urgenzschreiben hat die Suche beschleunigt. Das Ergebnis ist jedoch ernüchternd. Mein Paket ist unauffindbar. Keine Aussicht mehr die mühsam mit großem Zeitaufwand zusammengetragenen Unterrichtsmaterialen in der zweiten Woche meines Aufenthaltes doch noch einsetzen zu können. Auch diverse Gastgeschenke wie Mozartkugeln und Mannerschnitten, geplant zur Verteilung nach meinen Vorträgen über Österreich, kann ich abschreiben. Ich möchte an dieser Stelle eindringlich davor warnen die Dienste von Hermes in Anspruch zu nehmen. Zwei Pakete habe ich nach Finnland geschickt. Eines kam mit zweiwöchiger Verspätung schwer beschädigt an und das zweite gar nicht!



Unerwarteter Besuch


Verärgert möchte ich zum Busbahnhof aufbrechen. Ich bin etwas außerhalb der Stadt zum Essen eingeladen und soll anschließend auch eine finnische Sauna näher kennen lernen. Plötzlich klopft es an der Tür und ich öffne etwas überrascht. Zwei junge Damen lächeln mir mit Kübel, Putzfetzen und Handtüchern entgegen. „Everything ok“ meine ich kurz und will die Tür wieder schließen. Doch da sprechen sie mich in perfektem Deutsch an. Sie wollen unbedingt mit mir kurz reden, da sie sehr selten die Gelegenheit dazu haben mit jemandem aus ihrer Heimat zu sprechen. Sie kommen aus Tirol. Bislang habe ich immer gedacht nur Deutsche trifft man an jedem noch so entlegenen Ort der Welt. Ich habe mich wohl geirrt. Nach einer kurzen Plauderei fahre ich zunächst noch zur Markthalle. Dort gibt es eine Käseverkostung. Ich freue mich auf ein paar Kostproben von finnischem Käse und lange kräftig zu. Geschmacksunterschiede zu österreichischen Käsesorten kann ich keine feststellen. Dann entdecke ich die Herkunftsbezeichnung. Die verschiedenen angebotenen Sorten stammen doch tatsächlich aus Österreich.
 
 Exportkäse aus Österreich aus dem Hause Schärdinger

 
Finnische Verkäuferin in österreichischem Lodenoutfit
 
Eistaufe
 
Mit dem Bus fahre etwa 30 Minuten Richtung Kangasala aufs Land hinaus. Entlang der Straße ist es noch lange sehr städtisch, aber nur ein wenig abseits davon erstrecken sich ausgedehnte Wälder. Dazwischen zugefrorene Seen. Auf diesen tummeln sich massenhaft Langläufer. Hin und wieder sitzen einzeln oder in kleinen Gruppen Leute um ins Eis geschlagene Löcher. Es sind Eisfischer, die ihr Glück versuchen und auf hungrige Beute warten. Das Mittagessen ist reichlich und schmeckt vorzüglich. Als Nachtisch gibt es eine mit Stärkemehl eingedickte Beerensauce. Dabei handelt es sich um ein klassisches finnisches Dessert. Danach geht es zum nahegelegenen See. Neben einem Sommerhaus steht eine der angeblich über drei Millionen finnischen Saunas. Ich ziehe mich ob der Kälte rasch aus um dann schnell in das mit einem Holzofen beheizte Innere weiterzugehen. Es dauert nicht lange und mir wird wieder warm. Der Ablauf eines finnischen Saunaganges wird mir genau erklärt. Regelmäßig wird mit reinem Seewasser aufgegossen, um die Luftfeuchtigkeit zu erhöhen. Zum Abschluss der große Schock. Nach jedem Saunagang sucht man Abkühlung im See. Dieser trägt eine mindestens 40cm dicke Eisschicht. Mit einer Hacke wurde eigens ein knapp zwei mal zwei Meter großes Loch ins Eis gehackt. Letzte Nacht hatte es hier minus 23 Grad. Zwischen den Saunagängen friert das Wasser oberflächlich immer wieder zu. Mit einem Besen wird die dünne Eisschicht zerstört, um sich beim Eintauchen keine Schnittwunden zuzufügen. Soll ich oder soll ich nicht, denke ich mir, während ich den verschneiten Weg zum See hinunter gehe. Ich tue es und springe ins eiskalte Wasser. Das Gefühl danach ist unbeschreiblich wohltuend!
 
Härtetest nach der Sauna - Abkühlung im Eisloch
 

Winterliche finnische Seeidylle

Saunahütte unweit des Seeufers




Bericht vom Sonntag, den 17. März 2013




Heute
geht es mit der Bahn ins 150km von Tampere entfernte Jyväskylä, dem Hauptort Mittelfinnlands. Die Landschaft ist dort etwas hügeliger und der Zug fährt durch mehrere Tunnels. Ich fahre an mehreren Schisprunganlagen und sogar an einem kleinen Alpinschigebiet vorbei. Der bekannte Schispringer Nykänen stammt aus dieser Gegend. In Jyväskylä gibt es zahlreiche Gebäude von Alvar Aalto zu bewundern. Er war der bedeutendste finnische Designer des letzten Jahrhunderts. Mein erster Weg führt ins Alvar Aalto Museum. Hier sind neben seinem wahrscheinlich bekanntesten Werk, der berühmten Vase, auch mehrere der von ihm designten Sitzgelegenheiten zu sehen. Der Museumsbau entstand ebenso nach seinen Plänen wie das benachbarte Museum für Mittelfinnland. Auch diesem statte ich einen Besuch ab. Dann geht es am Stadttheater, seinem angeblich gelungensten Bau, vorbei und weiter hinunter zum Jyväsjärvisee.

 
Alvar Aalto Vase



Designersessel von Alvar Aalto
 

Alvar Aaltos Stadttheater in Jyväskylä

 
Im strahlenden Sonnenschein mache ich einen Spaziergang entlang der Uferpromenade. Früher diente der See im Winter als beliebter Transportweg. Die Eisdicke erreicht hier von Dezember bis März eine tragfähige Stärke. Da die Schneedecke üblicherweise eher dünn ist, eignete sich die gefrorene Oberfläche früher hervorragend zum Holztransport mit Pferdeschlitten. Heute ist sie mehr Freizeitfläche für bewegungshungrige Finnen. Die Sonne ist zwar nicht stark, aber das hindert die zahlreichen Leute nicht, dennoch auf einer Bank am Ufer oder auf der Terrasse des Strandcafes im Freien zu sitzen. Viele lockt es auch aufs Eis hinaus. Dort ziehen sie mit Langlaufschiern oder Schlittschuhen ihre Runden. Manche verwenden eine in Österreich völlig unbekannte Art der Kufen. Diese sind viel länger als üblich und erleichtern ein rascheres, aber auch sichereres fahren am nicht immer ebenen Eis. Sie werden wie ein Langlaufschi am Schuh fixiert. Ich entdecke einen Verleih und zögere nicht lange mir welche auszuborgen. Die fehlende Verbindung des Kufenendes mit dem Fersenteil des Schuhs bewirkt, dass ich einmal Bekanntschaft mit dem Eis mache. Zwei Seerunden mit den geliehenen Schlittschuhen, dann hinauf zum Aussichtsturm und es geht per Bahn wieder zurück nach Tampere. Der Weg ins Hotel führt mich an in Schlange stehenden Menschenmassen vorbei.  Heute ist St.Patrick´s Day und alle wollen ins Irish Pub. Ich fühle mich als wäre ich in Dublin. Aber die Temperatur sagt mir, dass dem nicht so sein kann. Es hat schon wieder gegen minus 10 Grad.
 

 Uferpromenade mit Terrassencafe am Jyväsjärvisee
 
 Reges Treiben auf dem zugefrorenen See
 
 
 Unsicherer Stand mit ungewohnten Kufen 
 
 
Kufen mit Langlaufschibindung

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